Die italienische Bankengruppe UniCredit hat bei der Bankenaufsicht der Europäischen Zentralbank (EZB) formell das Inhaberkontrollverfahren eingeleitet, um ihre Beteiligung an der Frankfurter Commerzbank AG auf bis zu 29,9 % auszubauen. Nach deutschem Wertpapiererwerbs- und Übernahmegesetz löst erst das Erreichen der 30-Prozent-Schwelle ein verpflichtendes Übernahmeangebot an alle übrigen Aktionäre aus, was UniCredit-Chef Andrea Orcel maximale strategische Flexibilität verschafft.
Der Antrag folgt auf den spektakulären Schachzug vom Wochenbeginn, als UniCredit bekannt gab, sich neben dem im September direkt erworbenen Aktienpaket von 9 % über Finanzderivate weitere 11,5 % der Commerzbank-Anteile gesichert zu haben. Die physische Übertragung dieser Aktien setzt die Zustimmung der EZB-Aufsicht voraus, deren Prüfung regulär bis zu 60 Arbeitstage dauert.
Derivate-Manöver und Bewährungsprobe für die Europäische Bankenunion
Bei einer Genehmigung würde UniCredit sofort rund 21 % der Commerzbank halten – und könnte auf bis zu 29,9 % zukaufen –, womit die Italiener den deutschen Staat (12 %) als größten Einzelaktionär ablösen würden. Ein Zusammenschluss der Commerzbank mit der deutschen UniCredit-Tochter HypoVereinsbank (HVB) würde in Deutschlands Bankenmarkt einen neuen Branchenriesen schaffen.
In Frankfurt reagierte die Commerzbank umgehend, um ihre Eigenständigkeit zu verteidigen: Der Aufsichtsrat ernannte Finanzvorständin Bettina Orlopp mit sofortiger Wirkung als Nachfolgerin von Manfred Knof zur neuen Vorstandsvorsitzenden. Zugleich schraubte das Institut seine Gewinn- und Ausschüttungsziele bis 2027 nach oben und strebt nun eine Eigenkapitalrendite (RoTE) von 12,3 % statt bisher 11,5 % an.
“Wir haben stets betont, dass Europa stärkere und größere Banken braucht, um seine wirtschaftliche Transformation zu finanzieren, und unser Engagement bei der Commerzbank schafft erheblichen Mehrwert.”
Commerzbank ernennt Bettina Orlopp zur Chefin und schärft Eigenständigkeitskurs
In Berlin löste das Vorgehen der Mailänder Großbank heftigen politischen Gegenwind aus: Bundeskanzler Olaf Scholz sowie die Gewerkschaft ver.di kritisierten den unfreundlichen Einstieg scharf und warnten vor Filialschließungen, Stellenabbau und Nachteilen bei der Kreditversorgung des deutschen Mittelstands. Die Finanzagentur des Bundes stoppte daraufhin weitere Aktienverkäufe.
Führende Vertreter der EZB – darunter Präsidentin Christine Lagarde und Chefaufseherin Claudia Buch – befürworten hingegen seit Langem grenzüberschreitende Bankenfusionen, um die europäische Bankenunion zu vertiefen. Orlopp bestätigte am Freitag ein erstes sachliches Kennenlerngespräch mit dem UniCredit-Management, betonte jedoch den Vorrang der eigenständigen Wachstumsstrategie.




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