Die Führung von Volkswagen und die Industriegewerkschaft Metall haben am Mittwoch in Hannover die brisanteste Tarifrunde seit Jahrzehnten eröffnet. Unter dem Druck schwacher europäischer Pkw-Verkäufe und starker chinesischer Konkurrenz im Bereich der Elektromobilität fordert der größte Automobilkonzern Europas drastische Einschnitte, darunter die erstmalige Schließung von bis zu zwei deutschen Werken und spürbare Lohnkürzungen.
Mehr als 3.000 Beschäftigte aus den Werken Wolfsburg, Hannover, Emden und Osnabrück zogen vor das Verhandlungslokal im Schloss Herrenhausen und machten ihrem Unmut mit Trillerpfeifen und roten Bannern mit der Aufschrift 'Zukunft statt Kahlschlag' Luft. Im Saal unterstrich VW-Verhandlungsführer Arne Meiswinkel, dass die Kernmarke Volkswagen unter strukturellen Überkapazitäten leide und unrentabel arbeite.
Kündigung der Beschäftigungssicherung entfacht erbitterten Tarifkonflikt
Die Eskalation hatte ihren Anfang genommen, als der Konzern Anfang September den seit 1994 geltenden Tarifvertrag zur Beschäftigungssicherung einseitig aufkündigte, der betriebsbedingte Kündigungen bis 2029 ausgeschlossen hatte. Das Management argumentiert, dass in Europa jährlich rund zwei Millionen Fahrzeuge weniger verkauft werden als vor der Pandemie. Für VW bedeute dies einen Absatzverlust von 500.000 Autos im Jahr – das Äquivalent zweier Fabriken.
Die IG Metall konterte mit der Forderung nach sieben Prozent mehr Entgelt bei einer Laufzeit von zwölf Monaten für die rund 120.000 Beschäftigten des Haustarifs. Verhandlungsführer Thorsten Gröger wies Werksschließungen und Kündigungen vehement zurück und kritisierte, dass verfehlte Vorstandsentscheidungen bei Modellpolitik und Software nicht auf den Schultern der Belegschaft abgewälzt werden dürften.
“Statt auf dem Rücken der Beschäftigten durch Werksschließungen Kosten zu senken, muss der Vorstand tragfähige Zukunftskonzepte für unsere Standorte präsentieren.”
Streikdrohung ab Dezember: Automobilindustrie stemmt sich gegen Krise
Der Konflikt berührt auch die Bundespolitik und die niedersächsische Landesregierung, die mit 20 Prozent der Stimmrechte ein gewichtiges Wort im VW-Aufsichtsrat mitredet. Ministerpräsident Stephan Weil mahnte beide Seiten zur Besonnenheit und forderte Lösungen, die Arbeitsplätze erhalten und die finanzielle Zukunftsfähigkeit des Konzerns sichern.
Bis zum 30. November gilt noch die tarifliche Friedenspflicht. Die Arbeitnehmervertreter machten jedoch unmissverständlich klar: Sollte das Management in den anstehenden Verhandlungsrunden im Oktober nicht von seinen Kürzungsplänen abrücken, drohen ab dem 1. Dezember massive Warnstreiks, die die Bänder in ganz Deutschland lahmlegen könnten.




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