Die brasilianische Zentralbank (Banco Central do Brasil - BCB) hat ihre Wachstumserwartungen für die größte Volkswirtschaft Lateinamerikas am Donnerstag deutlich heraufgesetzt und prognostiziert nun für 2024 ein reales Wirtschaftswachstum von 3,2 Prozent. In ihrem in Brasília veröffentlichten Quartalsbericht zur Inflation korrigierte die Notenbank ihre bisherige Schätzung von 2,3 Prozent kräftig nach oben und begründete dies mit der unerwarteten Dynamik des privaten Konsums und einem florierenden Arbeitsmarkt.

Bei der Vorstellung des Berichts erklärte Notenbankchef Roberto Campos Neto, dass die Wirtschaftsindikatoren die Erwartungen über mehrere Quartale hinweg kontinuierlich übertroffen hätten. Im zweiten Quartal wuchs das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um robuste 1,4 Prozent gegenüber dem Vorquartal, angetrieben von Industrie und Dienstleistungen trotz eines zweistelligen Zinsniveaus.

Konsumboom und Beschäftigungsrekorde treiben Konjunkturprognose

Die deutliche Anhebung liefert die fundamentale Begründung für die geldpolitische Straffung der vergangenen Woche: Der geldpolitische Ausschuss (Copom) hatte den Leitzins Selic überraschend um 25 Basispunkte auf 10,75 Prozent angehoben. Brasilien bildet damit eine seltene Ausnahme unter den großen Schwellenländern, indem es die Zinsen anhebt, während die US-Notenbank Fed und die EZB ihre Zinsen lockern.

Laut dem Bericht ist die Produktionslücke in Brasilien mittlerweile eindeutig positiv, was bedeutet, dass die Wirtschaft über ihrem inflationsneutralen Potenzial arbeitet. Die Arbeitslosenquote sank im Juli auf 6,8 Prozent – der niedrigste Wert für diesen Monat seit zehn Jahren. Dies treibt die Reallöhne und nährt eine hartnäckige Teuerung im Dienstleistungssektor.

“Die wirtschaftliche Aktivität hat eine überraschende Dynamik und Vitalität bewiesen, was zu einer deutlichen Aufwärtskorrektur unserer BIP-Erwartungen geführt hat und eine wachsame Geldpolitik erfordert.”

Positive Produktionslücke erfordert restriktive Geldpolitik der Selic

Die Notenbank prognostiziert für Ende 2024 eine Teuerungsrate von 4,2 Prozent und für 2025 von 3,7 Prozent, was gefährlich nahe an der Obergrenze des offiziellen Inflationsziels von 3,0 Prozent liegt. Die Währungshüter mahnten, dass anhaltende Haushaltsdefizite der Regierung und entankerte Inflationserwartungen erhebliche Aufwärtsrisiken bergen.

An den Finanzmärkten in São Paulo wurde der Bericht als klares Signal für weitere Zinsschritte gewertet. Händler preisen an den Terminmärkten für die Sitzungen im November und Dezember weitere Zinserhöhungen von insgesamt 100 bis 150 Basispunkten ein, womit die Selic Anfang 2025 bei 12,00 Prozent liegen könnte.

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